Das 2. Kapitel gehe ich bezüglich des Inhalts ahnungslos an, allerdings ist klar, unser Protagonist muss etwas tun.

 Wer bin ich?
2. Kapitel

Bei diesen Gedanken wird mir klar, dass ich noch nicht einmal den Wochentag oder den Monat benennen kann. Meine Orientierung ist vollständig ausgelöscht. Immerhin funktioniert mein Urinstinkt: Der Blick in die Finsternis verrät mir, dass es tiefste Nacht ist. Irgendetwas in mir sträubt sich dagegen, die Wohnung zu verlassen. Bisher weiß ich nicht einmal, ob ich in einem riesigen Wohnblock oder einem Einfamilienhaus stecke – ich komme mir vor wie ein hilfloses Kind. Leicht schwankend durchquere ich den Flur, öffne im Wohnzimmer das Fenster und strecke den Kopf hinaus. Die Dunkelheit draußen entspricht der Leere in meinem Kopf. Ich atme tief durch. Die frische Luft tut mir gut, vielleicht auch deswegen, weil es ziemlich kalt ist. Schnell dahinziehende Wolken lassen mich ab und zu einige Sterne sehen. Das eisige Licht des Mondes hilft mir dabei, die Umgebung schemenhaft zu erkennen. Vor mir liegt eine Wiese, hinter ihr ein Wald. Die Blicke zur Seite lassen mich vermuten, dass ich mich in einem Gebäude auf einer Waldlichtung oder am Rand einer Stadt befinden könnte. Jedenfalls bin ich im Erdgeschoss eines zweistöckigen Hauses. Statt durch die Haustür könnte ich problemlos aus dem Fenster springen und hätte augenblicklich festen Boden unter den Füßen.

Warum habe ich eigentlich solche Angst vor der Haustür? Dem Unheil hätte ich schließlich auch hier am offenen Fenster Auge in Auge gegenüberstehen können. Ich lausche angestrengt in die Nacht. Nichts. Es ist still. Viel zu still. Wenn ich die Wiese und die Bäume nicht direkt vor mir sehen würde, müsste ich glauben, ich wäre der letzte Mensch an einem völlig verlassenen Ort im Universum. Ich blicke zurück in die Wohnung. Der Flur zur Haustür wirkt im Dunkeln wie ein endloser Tunnel, der mich verschlucken will. Ein Teil von mir fragt sich: Warum nicht einfach hier auf das Tageslicht warten? Je länger ich diesen Gedanken zulasse, desto mehr klammere ich mich an ihn. Es ist vernünftiger. Ich bleibe hier, zumindest bis zur Morgendämmerung.

Womöglich einem inneren Instinkt folgend, vielleicht auch nur aus purer Nervosität und wegen der bedrückenden Anspannung, sehe ich mir erneut Zimmer für Zimmer an. Dabei fällt mir etwas Seltsames auf, das ich zuvor übersehen habe: Ich finde absolut nichts Persönliches. Keinen einzigen Gegenstand, der mir verraten würde, wem dieses Haus gehört. Zwar deuten einige Dinge darauf hin, dass hier jemand lebt oder bis vor Kurzem gewohnt hat, aber es gibt keinerlei Hinweise auf eine Frau oder Kinder. Ob ich das nun merkwürdig finden soll oder nicht, kann ich im Moment schwer beurteilen. Ich finde nicht einmal einen Kalender, der mir wenigstens verraten würde, welchen Tag, welchen Monat oder welches Jahr wir schreiben. Während meines Rundgangs ist die Zeit so schnell vergangen, dass ich es gar nicht wahrgenommen habe – oder die Nacht war bereits so weit fortgeschritten, dass sie den Kampf gegen die Morgendämmerung verliert. Ich befinde mich inzwischen im oberen Stockwerk und blicke aus dem Fenster auf das Gelände vor dem Haus. Da draußen liegt er wieder vor mir: dieser endlose Tunnel, der vom Anwesen wegzuführen scheint. Ein breiter Kiesweg umrundet einen Springbrunnen, der außer Betrieb ist, vielleicht schon seit Ewigkeiten. Am Kopfende dieses Kreises führt die ungepflasterte Zufahrt hinein in den dichten Wald, wo sie wie in einem Schlund im Nirgendwo verschwindet.

Obwohl ich weiß, dass ich im Haus keine Antworten bekommen werde, muss ich mich ein weiteres Mal fragen, wo ich bin, wie ich an diesen Ort gelangte und vor allem, wer ich bin. Allein die isolierte Lage des Gebäudes sorgt bei mir für eine Unsicherheit, die mich dazu drängen könnte, unüberlegt zu handeln. Ich begebe mich ins Bad, werfe mir am Waschbecken Wasser ins Gesicht und spüle mir den trockenen Mund aus. Mein Schwindelgefühl hat nachgelassen, dafür brummt mir der Schädel. Ich entschließe mich, nach unten und vor das Haus zu gehen. Nach wie vor deutet nichts darauf hin, dass sich jemand in der Nähe befindet. Ich sehe keine Autos, wobei ich den Eindruck gewonnen habe, dass eine Fahrgelegenheit notwendig ist, um überhaupt hierherzukommen.

Im Freien stehend – meine Bedenken bezüglich meiner Unversehrtheit habe ich im Haus gelassen – blicke ich zunächst nach links und rechts. Ich sehe niemanden, was mich beruhigt und mutiger macht. Ich trete neben den Springbrunnen und mustere die Fassade. Von außen ähnelt das Gebäude einer rustikalen Villa, die sich zu ihren besten Zeiten nur Mitglieder der noblen Gesellschaft hätten leisten können. Mag das Domizil einst ein Prunkstück gewesen sein, gleicht es jetzt von außen einer Absteige, die selbst ein Obdachloser nicht betreten würde. Der Kontrast dazu befindet sich drinnen: Die Möbel, die von mir betrachteten Gegenstände, selbst die Bettdecke und das Kopfkissen des Bettes, in dem ich aufgewacht bin, sind makellos. Holzwürmer und Motten sind jedenfalls noch nicht eingezogen. Ich spüre einen gewissen Übermut in mir aufkommen, ermahne mich jedoch, vorsichtig zu bleiben. Die vorherige Stille wird von ein paar zwitschernden Vögeln gestört. Die zuvor empfundene, unangenehm niedrige Temperatur wurde mittlerweile von einem lauwarmen Wind verscheucht. Das trägt dennoch nicht dazu bei, dass mir der Ort sympathischer wird. Diese Feststellung sorgt dafür, dass mein Unbehagen wieder wächst und mein Wille zur Tapferkeit sinkt. Meine Augen erfassen etwas Ungewöhnliches: An der Hauswand, ziemlich nah an der Eingangstür der Villa, lehnen ein Spaten und eine Schaufel. Eigentlich ist das nichts Sonderbares, trotzdem passt diese Entdeckung nicht in das bisherige Gesamtbild. Ein verrosteter, stillgelegter Springbrunnen, schon lange nicht mehr gemähte Grünflächen und Blumenbeete, die nur noch aus Unkraut bestehen – definitiv war hier seit Monaten kein Gärtner mehr tätig. Als ich jedoch direkt vor dem Spaten und der Schaufel stehe, erkenne ich es deutlich: Sie sehen nagelneu aus. Wieso lässt jemand dieses Werkzeug einfach draußen stehen? Wurde es bereits benutzt, oder hatte ein Unbekannter eine bestimmte Absicht damit?

Mir wird mulmig zumute, denn es drängen sich Überlegungen auf, denen ich wehrlos ausgeliefert bin. Davon ausgehend, dass auf dem Gelände keine Schatzsuche stattfand, muss ich mich der Möglichkeit stellen, ob auf dem Anwesen jemand oder etwas verbuddelt worden war. Neben eher harmlosen Alternativen komme ich schließlich nicht umhin, mich mit einer Theorie zu beschäftigen, von der ich überhaupt nicht begeistert sein kann: Sind am Ende Spaten und Schaufel für mich gedacht? Habe ich im Moment nur das Glück, zu früh wach geworden zu sein? Falls Letzteres zutrifft, bleibt mir dann überhaupt noch die Zeit, mich näher auf dem Grundstück umzusehen, oder sollte ich mich umgehend aus dem Staub machen? Doch falls meine Befürchtung zutrifft, könnte ich bei einer Flucht direkt in die Arme meines unbekannten Feindes laufen. Außerdem würde ich nach wie vor komplett im Dunkeln tappen und noch nicht einmal das Gesicht meines Gegners kennen.

Was tun?

Fortsetzung nächsten Montag im Kapitel 3

Eine Bitte: Nehmt die Gliederung der Kapitel nicht als endgültiges Inhaltsverzeichnis wahr. Die hier erstellten Kapitel sind bewusst kurz gehalten, um allen Teilnehmenden einen besseren Überblick bieten zu können.

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