Das 2. Kapitel beginnt mit einem Ortswechsel, ein Szenario, dass mir mein Bauchgefühl vorschreibt, ein Handlungsstrang zu dem mich meine Fantasie leitet, ohne zu wissen, wohin es mich und die Leser führen wird.
Wer bin ich?
2. Kapitel - 1. Abschnitt
Wer Ronda sah, hätte nach der ersten Begegnung ihren Beruf niemals erraten und ihn ihrer auffälligen Persönlichkeit schon gar nicht zugetraut. Wenn sie komplett angezogen herumlief – was in ihren eigenen vier Wänden selten der Fall war –, konkurrierte ihre kunterbunte Hippie-Kleidung mit ihrem langen, dunkelbraunen Haar um die Vormachtstellung bei ihrem äußeren Erscheinungsbild. Als Mensch war Ronda ein Widerspruch in sich: Ihre stets gute Laune stand auf einem wackligen Gerüst, denn mit ihrem Lächeln und ihrem zum Teil hyperaktiven Auftreten versuchte sie, ein Psychotrauma zu überwinden, ohne aufzufallen. Wären ihre Beschwerden bekannt geworden, hätte sie unweigerlich ihren Job verloren. Schließlich hatte sie es beruflich mit Menschen zu tun, die verschiedene Formen von Beeinträchtigungen aufwiesen.
Die Berufsbezeichnung Rondas lautete Sonderpädagogin. In diesem Fachbereich hatte sie es hauptsächlich mit geistig benachteiligten Jugendlichen zu tun – eine Tätigkeit, in der sie aufblühte und eine Hingabe an den Tag legte, die als bewundernswert bezeichnet werden konnte. Mit ihren Lehrmethoden und sozialen Fähigkeiten erarbeitete sie sich einen Ruf, der ihr mit Genehmigung ihres Arbeitgebers zusätzliche, gelegentliche und doch regelmäßige Aufträge bescherte. Dazu gehörten Gutachten über schwer erziehbare Teenager ebenso wie Eignungstests mit Beschäftigten großer Konzerne, bei denen es darum ging, ob diese noch fähig waren, ihren Aufgaben nachzukommen.
Ihr letztes nebenberufliches Betätigungsfeld befasste sich mit Menschen, die bei verschiedensten Behörden auffällig geworden, aber noch nicht direkt mit dem Gesetz in Konflikt geraten waren. Bei ihnen drehte es sich um ermahnte Raser, denen die Tabellenführung in Flensburg drohte, oder um Berufstätige mit psychischen Problemen, die aufgrund diverser Paragrafen nicht so einfach aufs Abstellgleis gestellt und gekündigt werden konnten. Der Kreis der Menschen, mit denen Ronda konfrontiert wurde, war jedenfalls genauso bunt wie ihre Kleidung, was auch auf ihre Auftraggeber zutraf. Sie war sozusagen das Mädchen für alles, eine Art Villa Kunterbunt für Unternehmen, Organisationen und gelegentlich auch für den Staat. Unabhängig von all dem durfte niemand von Rondas seelischen Problemen erfahren, ansonsten hätte sie ihren Job und ihre Nebeneinkünfte sofort verloren – und damit ihre Existenz.
Es war Herbst. Dem Wetter war das egal, es führte sich auf wie im April. Ronda war gerade dabei, in der Institution ihres Arbeitgebers Feierabend zu machen. Der Zufall und das Schicksal wollten es, dass sie genau dem Mann in die Arme lief, der nach ihr suchte. Seine Fragen erweckten zunächst nicht diesen Eindruck, da er sich zuerst nach dem Büro der Verwaltung erkundigte. Doch im nachfolgenden Dialog fiel ihr Name, woraufhin sie keinen Anlass sah, ihre Identität zu verheimlichen.
»Sie haben Glück, ich bin die Gesuchte. Was kann ich für Sie tun?«, fragte Ronda in der Annahme, eine neue Einnahmequelle vor sich zu haben.
»Stimmt schon, manchmal ist die Welt klein«, meinte der Gefragte, zog einen Dienstausweis hervor und stellte sich vor: »Entschuldigung, ich heiße Heger, Nick Heger vom LKA. Hätten Sie ein paar Minuten Zeit für mich? Ich habe gesehen, fast gegenüber ist ein Café. Vielleicht könnten wir uns dort in aller Ruhe unter vier Augen unterhalten?«
Ronda sah keinen Grund abzulehnen. Schließlich ging sie nach wie vor davon aus, dass es im Landeskriminalamt einen Fall gab, bei dem sich irgendein Schreibtischhengst durch ihre Expertise einen Durchbruch erhoffte. Das galt auch für Nick Heger, der nicht den Eindruck machte, eine höhere Position in der Behörde zu bekleiden. Da ein paar Kröten mehr im Geldbeutel nicht schaden konnten, sagte sie zu.
Nachdem sie in dem Lokal bedient worden waren, kam Nick sofort auf den Punkt. »Laut den Informationen, die mir vorliegen, kennen Sie einen gewissen Freddy Haupt. Trifft das zu?«
Ronda durchforstete ihren Gedächtnisspeicher und nickte. »Ja, allerdings nur flüchtig. Ich hatte nicht viel mit ihm zu tun. Wieso?«
»Seine Frau hat ihn vor ein paar Tagen als vermisst gemeldet. Das Problem dabei: Sie gab der Polizei zu verstehen, dass sie die Anzeige nicht persönlich aufgeben kann, weil sie im Rollstuhl sitzt. Recherchen ergaben, dass die Frau querschnittsgelähmt und ohne ihren Gatten völlig hilflos ist. Die Konsequenz: Beamte der Dienststelle begaben sich direkt zu ihrem Wohnort, um die Vermisstenanzeige aufzunehmen.«
Ronda verzog das Gesicht. »Nett. Die Polizei, dein Freund und Helfer. Das geschah sicher mit viel Ansporn, aber okay – was wollen Sie von mir?«
»Die Kollegen trafen die Frau nicht an. Weder nach wiederholten Versuchen am Tag ihres Anrufs noch in den Folgetagen. Einem fleißigen Beamten ließ die Sache keine Ruhe. Seine Nachforschungen brachten ans Licht, dass Freddy Haupt unentschuldigt bei der Arbeit fehlt. Weil die Ergebnisse so unbefriedigend waren, wollte die örtliche Kripo nichts damit zu tun haben und hat den Fall an uns übergeben. Vorläufiges Zwischenergebnis: Freddy Haupt und seine Frau Juliane scheinen vom Erdboden verschwunden zu sein. Nachbarn haben sie seit Tagen nicht gesehen, Arbeitskollegen wissen nichts und Familienangehörige oder Freunde konnten wir bisher nicht ausfindig machen – was an sich schon merkwürdig ist. Ich hoffe, diese Zusammenfassung erklärt, weshalb ich alles über Freddy Haupt wissen muss. Jede Kleinigkeit zählt. Da Sie einige Gespräche mit ihm geführt haben, gehe ich davon aus, dass Sie mir Hinweise geben können. Damit helfen Sie vor allem ihm und seiner Frau. Ich wiederhole mich gern: Selbst der kleinste Hinweis kann wichtig werden.«
»Ich werde Sie für einen Charme-Orden vorschlagen«, konterte Ronda trocken. »Sie scheinen Ihre Hausaufgaben gemacht zu haben. Also wissen Sie auch, dass ich allerhöchstens vier oder fünf Gespräche mit Freddy hatte. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen helfen soll. Sicher, ich habe bestimmt noch Notizen über diese Sitzungen. Aber Sie sind vom LKA und sollten ohne Schwierigkeiten an die endgültigen Diagnosen herankommen. Die sind doch bestimmt wichtiger als meine belanglosen Aufzeichnungen.«
»Hören Sie, Frau Laas …«
»Nennen Sie mich Ronda«, fiel die Angesprochene ihm ins Wort. Sie musterte Nick und korrigierte ihren ersten Eindruck. Offenbar war der Mann kompetenter, als sie gedacht hatte. »Was mich interessieren würde, ist der Grund, weshalb sich das LKA der Sache angenommen hat. Ich finde das ungewöhnlich. Schließlich verschwinden fast jede Woche irgendwelche Leute, um die sich Ihre Behörde nicht im Geringsten schert. Liegt es daran, dass er Polizist ist?«
Nick verzog die Lippen. Die Aussage schien ihm sichtlich zu missfallen, obwohl er ihr nicht widersprechen konnte. »Sie haben ein gutes Gespür. Ja, Freddy Haupt war Polizist. Wie Sie vielleicht schon ahnen, habe ich mir die Akten über ihn zukommen lassen. Womöglich erinnern Sie sich daran: Er musste sich damals wegen eines Dienstvergehens mit den internen Ermittlern auseinandersetzen und sich zudem einem Polizeipsychologen stellen. Der bescheinigte ihm Dienstunfähigkeit. Ein Gegengutachten – das sein Rechtsbeistand anfertigen lassen durfte – widersprach dieser Diagnose jedoch. Danach kamen Sie ins Spiel. Ihre Schlussfolgerung lautete, er brauche lediglich eine Auszeit und sei danach durchaus fähig, seinen Dienst fortzusetzen. Nach dem Unfall seiner Frau schied er dann allerdings auf eigenen Wunsch aus, ohne den Dienst jemals wieder angetreten zu haben.«
Ronda zeigte sich erstaunt. Sie konnte sich gut daran erinnern, wie sehr Freddy an seinem Beruf gehangen hatte. Angesichts dieser Überraschung kam sofort eine alte Marotte bei ihr durch: »Da kriegst du doch die Motten!«, entfuhr es ihr. Noch bevor der LKA-Beamte reagieren konnte, setzte sie nach: »Sie reden zwar viel, Herr Heger, sagen aber nichts. Warum befasst sich das LKA wirklich mit dem Verschwinden dieses Ehepaares?«
»Der Kollege auf dem Revier, der einfach keine Ruhe gegeben hat, hat uns informiert und seine Ansicht geschildert«, erklärte Nick. »Seiner Auffassung nach wollte die örtliche Kripo nichts unternehmen, weil Freddy Haupt bei den meisten seiner Kollegen unten durch war. Er hat uns mit ein paar verdammt interessanten Details konfrontiert. Erstens: Wie und wieso verschwindet eine Frau, die in ihrer Mobilität komplett von ihrem Ehemann abhängig ist? Zweitens: Nach ihrem Unfall hat Freddy den Dienst quittiert – ein Beleg dafür, wie sehr er seine Frau liebt. Er hätte sie niemals tagelang allein gelassen. Und drittens ist der Kollege der Meinung, dass in dieser Angelegenheit von vorn bis hinten etwas nicht stimmt und Freddys Ex-Kollegen ihre Finger im Spiel haben könnten. Kurzum: Er hält es für möglich, dass Polizisten in das Verschwinden von Freddy und Juliane Haupt involviert sind.«
»Wann hatte die Frau den Unfall?«, erkundigte sich Ronda.
»Erst vor einem halben Jahr«, antwortete Nick und fixierte sie. »Weshalb fragen Sie?«
Ronda schüttelte leicht den Kopf und wich seinem Blick aus. »Nur so. Okay, jetzt verstehe ich, weshalb das LKA Handlungsbedarf sieht. Aber ich wüsste ehrlich gesagt nicht, wie ich Ihnen dabei helfen könnte.«
Nick fuhr sich über das Kinn. Er bemerkte, dass die Augen der Bedienung auf ihn gerichtet waren, deutete ihr mit einem kurzen Nicken an, für Kaffee-Nachschub zu sorgen. Erst dann nahm er Ronda wieder ins Visier. »Hatten Sie bei den Sitzungen mit Freddy irgendwann das Gefühl oder den Eindruck, dass er beruflich massiv unter Druck stand?«, fragte er direkt. »Oder dass er vielleicht ein Opfer von Mobbing durch seine Kollegen war?«
Ronda schwieg einen Moment, während die Bedienung die frischen Kaffeetassen auf den Tisch stellte. Dann blickte sie Nick fest in die Augen. »Sagen wir es mal so: Bei der dritten oder vierten Sitzung schloss ich es nicht mehr aus, dass ihm das vorgeworfene Dienstvergehen untergeschoben wurde.«
»Interessant. Warum steht davon nichts in Ihrem Gutachten?«
»Herr Heger, ein solches Dokument bezieht sich auf Fakten, keinesfalls auf irgendwelche Spekulationen.«
»Interessant«, murmelte Nick und beugte sich ein Stück vor. »Warum steht davon nichts in Ihrem Gutachten?«
»Herr Heger, ein solches Dokument bezieht sich auf Fakten«, entgegnete Ronda kühl. »Keineswegs auf Spekulationen.«
Nick lächelte matt. »Plausibel. Einer dummen Frage lasse ich direkt eine intelligentere folgen: Kam Ihnen Freddy gefährdet vor? Erwähnte er etwas in der Art? Zum Beispiel, dass er sich verfolgt fühlte?«
Ronda nippte an ihrem frisch gebrachten Kaffee, bevor sie antwortete. »Nein. Allerdings schien er unter erheblichem Stress zu leiden – deswegen ja auch die entsprechende Einschätzung in meinem Gutachten.«
Nick legte nachdenklich die Stirn in Falten und appellierte an ihr Erinnerungsvermögen: »Bitte denken Sie nach. Hat Freddy sonst irgendetwas erwähnt, worüber Sie sich gewundert haben?«
Der Kerl wird langsam lästig, da kriegst du doch die Motten, dachte Ronda. Sie ließ sich ihre gute Laune trotz der ernsten Unterhaltung jedoch nicht verderben und reiste in Gedanken ein Stück zurück in die Vergangenheit.
Nach ihrer Rückkehr in die Gegenwart zuckte sie mit den Schultern. »Wenn etwas komisch war, dann die Tatsache, dass Freddy Haupt nicht mehr von sich gab, als er unbedingt musste. Er beantwortete meine Fragen, erklärte manches aber erst, wenn ich nachgebohrt hatte. Damals schob ich das auf seine stressbedingte Situation. Aber jetzt, da Sie mir gegenübersitzen, könnte ich das ein oder andere durchaus anders interpretieren.«
»Inwiefern?«, hakte Nick sofort nach.
»Trotz der von Ihnen eben betonten Liebe zu seiner Frau erwähnte er sie in unseren Sitzungen praktisch nie«, erklärte Ronda nachdenklich. »Er verlor auch kein einziges Wort über Angehörige oder Freunde. Sein Privatleben schien während der Therapiestunden schlichtweg tabu zu sein. Existieren diese Leute überhaupt? Immerhin konnten Sie bisher niemanden aus seinem Familien- oder Bekanntenkreis ausfindig machen.« Nick schwieg. Er blickte nachdenklich auf seine Kaffeetasse, als hätte Ronda ihn auf eine ganz neue Spur gebracht. Da von ihm keine Antwort kam, legte Ronda nach: »Sie erwähnten vorhin seine Arbeitskollegen. Wo genau war Freddy zuletzt tätig?«
»Er arbeitete halbtags als Kurierfahrer«, antwortete Nick und fuhr mit seinen Fingern durch sein Haar. »Und um ehrlich zu sein: Wir vom LKA sind in diesem Fall derzeit mit angezogener Handbremse unterwegs. Sicher, die Eheleute werden vermisst. Aber falls die Behauptungen unseres argwöhnischen Kollegen zutreffen, müssen wir extrem vorsichtig vorgehen. Zunächst brauchen wir schlagkräftige Beweise. Doch die bekommen wir nur, wenn wir überhaupt erst einmal in Erfahrung bringen, womit wir es hier eigentlich zu tun haben.«
Ronda stellte ihre leere Kaffeetasse ab und griff nach ihrer Handtasche. »Nun, dann wünsche ich Ihnen viel Glück, Herr Heger. Denn spätestens ab jetzt kann ich absolut nichts mehr zu dieser Sache beitragen.« Sie erhob sich, bedankte sich für die Einladung und überreichte dem Beamten ihre Visitenkarte. »Nur für den Fall, dass meine Hilfe doch noch benötigt werden sollte. Beim nächsten Mal gibt es aber eine Rechnung dafür. Tschüs!«, sagte sie mit einem flüchtigen Lächeln und schritt davon.
Draußen vor dem Café fühlte sie sich sofort wohler. Nachdem Nick ihr offenbart hatte, dass es sich möglicherweise um ein hochgefährliches, polizeiinternes Komplott handelte und das LKA selbst mit angezogener Handbremse agierte, war es ihr einfach wichtig geworden, die Reißleine zu ziehen. Ihr gutachterlicher Verstand sagte ihr, wann ein Gespräch ihre Kompetenzen überschritt, und verständlicherweise wollte sie unter keinen Umständen in ein Wespennest aus korrupten Polizisten hineingezogen werden.
Fortsetzung im 2. Abschnitt von Kapitel 2
Kommentar hinzufügen
Kommentare