2. Kapitel - 2. Abschnitt

Der 2. Abschnitt im Kapitel 2 setzt die Story mit Ronda nahtlos fort. Gleichzeitig ist es der erste Kapitelabschnitt, der einen Seitenumbruch haben wird, da die Geschichte von Ronda zu Nick Heger wechselt.

 Wer bin ich?
2. Kapitel - 2. Abschnitt

Ronda fuhr nach Hause. Sie wohnte in einem großen Wohnblock mit so vielen Parteien, dass kaum ein Bewohner den anderen kannte. Sie entledigte sich ihres Mantels, legte die Handtasche auf die Ablage der Garderobe und eilte voller Erleichterung ins Wohnzimmer. Aus dem Raum schlugen ihr Stimmen entgegen, die sie sofort dem laufenden Fernseher zuordnete.

Sie erkannte, dass ihr Liebhaber in dem Sessel saß, der mit dem Rücken zu ihr stand. Er verfolgte einen Film, den sie bereits gesehen hatte, der jedoch keineswegs zu ihren Favoriten gehörte. Ronda fiel der Titel des Streifens ein: „The Fog“ hieß der Spielfilm, der ihr schlicht zu gruselig war. Eigentlich ein Umstand, den beobachtende Außenstehende niemals hätten nachvollziehen können – vorausgesetzt, sie wären in der Lage gewesen, den Mann im Sessel zu identifizieren.

Das nachfolgende Szenario besaß nämlich einen Horroreffekt, durch den jeder unbeteiligte Zuschauer einen psychologischen Tiefschlag erleiden würde. Da Ronda nicht erkennen konnte, ob ihr Mitbewohner vor der Flimmerkiste eingeschlafen war, trat sie leise und lächelnd an ihn heran. Sie blickte ihm über die Schulter ins Gesicht. Er war wach, erwiderte ihr Schmunzeln und zog sie sanft zu sich auf den Sessel.

Sie kuschelte sich in seine Arme auf seinem Schoß. Es folgte ein inniger Kuss, doch kaum hatten sich ihre Lippen voneinander gelöst, wurde Ronda ernst. »Es geht los. Ich hatte heute unerwarteten Besuch vom LKA. Ein gewisser Nick Heger hat mich aufgesucht. Kennst du ihn?«

Freddy schüttelte den Kopf. »Nein, der Name sagt mir nichts. Was wollte er von dir?«

»Was wohl? Natürlich wollte er mehr über dich erfahren.«

Freddys Muskeln spannten sich merklich an. »Was hast du ihm gesagt? Und wie schätzt du ihn ein?«

Ronda glitt von seinem Schoß zu Boden. Sie ging vor dem Sessel auf die Knie und stützte sich mit beiden Händen an den Armlehnen ab, um ihm tief in die Augen zu sehen. »Ich glaube, ich hätte ihn fast unterschätzt. Er gab sich anfangs dümmer, als er eigentlich ist. Jedenfalls ist er nach unserer Unterhaltung über dich kein bisschen schlauer.«

»Gut, braves Mädchen«, lobte Freddy. »Von nun an heißt es, wachsam und geduldig zu bleiben. Das LKA wird sich ganz sicher noch einmal an dich wenden, aber wir gehen strikt nach Plan vor.« Er entspannte sich spürbar und zog Ronda wieder zu sich nach oben.

Ein Kuss folgte dem nächsten, und die Berührungen wurden intensiver. Umarmende Hände fingen an, Knöpfe zu öffnen. Kleidungsstücke flogen durch den Raum. Für potenzielle Beobachter wurde es nun höchste Zeit, die beiden Liebenden allein zu lassen.

*****

Unbestritten: Die bisherigen Umstände ließen kaum einen anderen Schluss zu, als dass die von außen verfallene Villa im Wald inzwischen wieder völlig einsam war. Freddy Haupt konnte sich ja unmöglich zur gleichen Zeit an zwei verschiedenen Orten befinden.

Doch während er nun auf Ronda lag und sich rhythmisch bewegte, entschloss sich der Mann ohne Gedächtnis, das Risiko einzugehen und in den Keller hinabzusteigen. Fast synchron zu Freddys Bewegungen auf dem Wohnzimmerboden stieg der Unbekannte vorsichtig die Leiter hinab, wobei seine Füße behutsam und im selben Takt eine Sprosse nach der anderen bewältigten. Dabei geriet das Rätsel um das Wo, Wer und Was bin ich auf merkwürdige Weise in den Hintergrund. Vordergründig war es nur noch eine Frage der Zeit, bis sich die Außenwelt fragen würde: Wer ist er, wo kommt er her und was spielt er für eine Rolle?

Unabhängig von den bisherigen Geschehnissen und ungeachtet der Frage, wie es um die psychische Verfassung des angeblich verschwundenen Freddy Haupt stand: Wenn man die Ereignisse genau überdachte, gab ein ganz bestimmtes Detail Anlass zur Sorge. Dieser Punkt betraf die stets gut gelaunte Ronda Laas. Man musste sich nämlich unwillkürlich fragen, warum eine Sonderpädagogin ihres Formats einem Mann derart zu Füßen lag und sich ihm gegenüber fast schon unterwürfig verhielt. Schlimmer noch: Es erweckte den Anschein, als sei sie ohne Zögern bereit, ihn bei einer höchst unlauteren Sache zu unterstützen.

Kriminalhauptkommissar Nick Heger hatte Ronda verschwiegen, dass er sich nicht nur ihr Gutachten über Freddy Haupt, sondern auch das Dossier über ihren eigenen Werdegang hatte zukommen lassen. Schon vor dem Treffen im Café kannte er die Frau somit auf dem Papier in- und auswendig – was jedoch nicht bedeutete, dass er sie auch durchschauen konnte.

Rondas Lebenslauf war schwere Kost. Den völligen Widerspruch dazu stellte die eigentliche Unterhaltung mit ihr dar. Nicks Befürchtung, auf eine verschlossene, womöglich depressive Person zu stoßen, traf keineswegs zu. Im Gegenteil: Ihre Art war locker, und obwohl das Thema keine Fröhlichkeit zuließ, strahlte seine Gesprächspartnerin eine unerwartete Lebensfreude aus. Ihr Auftreten, die bunte Kleidung und ihr salopper Spruch über die Motten zeigten ihm, dass sie ihre Vergangenheit offenbar hinter sich gelassen hatte. Doch eine Sache störte Nick massiv. Aus den Akten ging hervor, dass Freddys Sitzungen mit Ronda erst ein Jahr zurücklagen. Es ergab einfach keinen Sinn, dass eine Sonderpädagogin ihres Formats derart große Erinnerungslücken vorgab, wenn die Gespräche gerade mal zwölf Monate her waren. Ein verschwundenes Ehepaar, womöglich korrupte Polizisten, dazu eine Sonderpädagogin, die etliche Fragen aufwarf. Je mehr sich Nick in den Fall hinein arbeitete, umso weniger gefiel er ihm.
Immerhin hatte er inzwischen mehr Informationen über Juliane und Freddy Haupt zusammengetragen. Das Ehepaar war kinderlos. Fest stand auch, dass sich die beiden nach Julianes Unfall in eine selbstgewählte Isolation begeben und langjährige Freundschaften komplett aufgegeben hatten. So wie es sich darstellte, taten sie das vor allem aus einem Grund: um dem oft übertriebenen oder gar geheuchelten Mitleid ihrer Umwelt zu entgehen.

Worauf Nick jetzt noch wartete, waren die Ergebnisse zu den übrigen Familienangehörigen der Eheleute. Gab es noch Eltern? Existierten Geschwister, Onkel oder Tanten? Und wenn ja: Wo lebten sie, wie sah es bei ihnen finanziell aus und gab es womöglich jemanden innerhalb des Familienkreises, der Dreck am Stecken hatte?

Fortsetzung im 3. Abschnitt von Kapitel 2 (spätestens am 25. 05. 2026)

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