2. Kapitel - 3. Abschnitt

Der 3. Abschnitt im Kapitel 2 beleuchtet die Figur "Freddy Haupt", womit ein weiterer Knoten in die Geschichte eingebaut wird. Wie erwähnt, keine Ahnung, wohin uns der bisherige Lesestoff in "Wer bin ich?" führen wird. Mit diesem Abschnitt ist das 2. Kapiel abgeschlossen.

 Wer bin ich?
2. Kapitel - 3. Abschnitt

Freddy Haupt blickte auf zwanzig Jahre Berufserfahrung als Polizist zurück. Er war ein Bulle vom alten Schlag – regelkonform, aber jederzeit bereit für eine härtere Gangart. Man musste kein Kommissar sein oder einen höheren Dienstgrad bekleiden, um mit Kleinkriminellen, Abschaum und Schwerverbrechern konfrontiert zu werden. Freddy war ein Mann der Straße, und seine Methoden hatten ihn bereits die eine oder andere Beförderung gekostet.

Es war ihm egal. Mehr Geld auf dem Konto wäre schön gewesen, aber Freddy wollte seine Tage nicht hinter einem Schreibtisch absitzen. Er war zufrieden mit seinem Leben. Da seine Frau Juliane ebenfalls verdiente, plagten die beiden keine Geldsorgen. Zudem besaßen sie ein eigenes Haus, das er nach dem frühen Krebstod seiner Eltern geerbt hatte.

Der Verlust seiner Eltern wog schwer, zumal es nicht der erste Schicksalsschlag war, der die Familie traf. Julianes letzte Verwandte waren bei einem Flugzeugabsturz ums Leben gekommen, und die väterliche Linie war ohnehin klein und überaltert – hier hatte das Vergehen der Zeit gnadenlos zugeschlagen. Freddy hatte zudem einen Bruder verloren. Ein Schicksal, das ihn jedoch nicht berührte, da er ihn nie kennengelernt hatte: Der Junge war bei der Geburt gestorben. Offenbar hatte die Welt keinen Platz für ihn vorgesehen. Freddy und seine Frau Juliane standen deshalb familiär im Grunde völlig allein da. Es schweißte sie als Paar extrem eng zusammen und machte sie gleichzeitig verwundbar – schließlich hatten sie außer sich selbst niemanden mehr.

Ein näherer Blick auf Freddys Dasein hätte labile Menschen womöglich gebrochen. Ein Fluch schien auf seiner Familie und der seiner Frau zu liegen. Der Tod konnte als allgegenwärtig bezeichnet werden und bei ihm kam sein Beruf hinzu. Auch da wurde er regelmäßig mit Leichen konfrontiert. Suizide und Unfälle ereigneten sich nicht täglich, aber viel zu häufig. Ab und zu betrat er auch Tatorte, an denen ein Mord geschehen war.

Trotz all dieser Düsternis waren Juliane und Freddy ein echtes Vorzeigepaar. Selbst im engsten Freundeskreis schwankte die Reaktion zwischen ehrlicher Mitfreude und leisem Neid auf dieses unerschütterliche Glück und eine Liebe, die noch immer so innig war wie am ersten Tag. Doch die unbarmherzige Hand des Schicksals sollte auch vor ihnen nicht haltmachen.

*****

Es begann eigentlich wie gewohnt, deswegen wirkte es zunächst harmlos. Wieder einmal hatte Freddy einen Festgenommenen zu hart angefasst, doch noch schwerer wog der Vorwurf, dass er vor der Verhaftung mit Gewalt in dessen Wohnung eingedrungen war. Die Spitze des Eisberges wurde erreicht, als der Inhaftierte freigelassen werden musste und unmittelbar danach behauptete, Freddy hätte ihn bestohlen. Das Gegenteil konnte der Beschuldigte nicht beweisen, da Wort gegen Wort stand, dennoch drohte Freddy, schon wegen der vorherigen Eskapaden seinerseits, eine Entlassung aus dem Polizeidienst. Die internen Ermittlungen sorgten dafür, dass er einen Polizeipsychologen aufsuchen musste. Hinterher folgte durch seinen Rechtsbeistand ein Gegengutachten bei einem neutralen Psychologen, schließlich auch die Sitzungen bei Ronda Lass. Letztlich durfte Freddy seinen Job weiter ausüben. Vor allem zwei Faktoren sprachen für ihn: Der von ihm Verhaftete besaß ein Führungszeugnis, das zahlreiche Vorstrafen beinhaltete. Bedeutender war jedoch die Tatsache, dass sich der angeblich Bestohlene rigoros weigerte anzugeben, was ihm entwendet worden war.

Damit war die Sache jedoch nicht ausgestanden. Hätte Freddy bei den internen Ermittlungen die Wahrheit gesagt, hätte er eigene Kollegen anschwärzen müssen, denn die herbeigerufene Verstärkung hatte den Festgenommenen tatsächlich beklaut. Einen Kameraden aus dem eigenen Revier zu verpfeifen, widersprach jedoch Freddys Ehrenkodex. Genau diese Loyalität brachte ihn nun zwischen die Fronten. Die eine Hälfte der Kollegen hielt ihn für einen gierigen Dieb, der die Beute nicht teilen wollte. Die andere Hälfte sah in ihm ein unberechenbares Risiko, das die korrupten Machenschaften im Revier doch noch auffliegen lassen könnte. Eines zeigte sich sehr bald: Freddys Loyalität und der Ehrenkodex untereinander würden ihm eines Tages zum Verhängnis werden. Während er die Diebe schützte, waren diese bereit ihn zu opfern. Egal wie die beiden Gruppen dachten und handelten, Freddy konnte nur verlieren. Für die einen war er ein egoistischer Dieb, für die anderen eine tickende Zeitbombe. Das isolierte ihn auf dem Revier völlig.

Anfeindungen und Mobbing gehörten seitdem zu seinem Alltag, bis es geschah und Juliane als Fußgängerin in einen Verkehrsunfall verwickelt wurde. Die Tragik daran war: Äußerlich trug Juliane nur leichte Blessuren davon, von lebensgefährlichen Verletzungen konnte also keine Rede sein, doch ihr bisheriges Leben war vorbei. Querschnittsgelähmt landete sie im Rollstuhl, woraufhin Freddy seinen Dienst quittierte, um für sie da zu sein.

Sowohl das Ende seiner Karriere als auch der Unfall markierten für Freddy einen radikalen Wendepunkt. Die Ehe, die einzige verbliebene Festung in einer feindseligen Welt, hatte tiefe Risse bekommen. Sie war nicht länger der sichere Hafen, der sie einmal gewesen war. Seiner Marke weinte er keine Träne nach, im Revier hatte er ohnehin nur noch Feinde gehabt. Doch eine Drohung, die ihm einer der korrupten Kollegen beim Abschied zugerufen hatte, brannte sich tief in sein Gedächtnis ein:

»Pass nächstes Mal besser auf deine Frau auf!«

Fortsetzung im 1. Abschnitt von Kapitel 3 (spätestens am 25. 05. 2026)

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