Im ersten Abschnitt des 3. Kapitels begeben wir uns an den Ausgangsort zurück, nämlich in die Villa und dort in den Keller, der über einen Schacht in der Kombüse erreicht werden kann. Mal sehen, was unseren gedächtnislosen Protagonisten dort erwartet und was er findet.
Wer bin ich?
3. Kapitel - 1. Abschnitt
Von oben war es gar nicht richtig zu erkennen, wie weit ich hinabsteigen musste, um auf der gleichen Höhe mit den Gängen zu sein. Ich schätze, ich habe fünf Meter hinter mich gebracht, eher mehr, als ich in den Gang hinter der Leiter schauen kann. Komisch, nur der Schacht ist beleuchtet, in den Gängen brennt kein Licht. Somit sehe ich in eine Leere, von der ich nicht abschätzen kann, wie lang sie ist und wohin sie mich führen wird.
Mein Verstand sagt mir, ich soll zurück nach oben klettern, meine Neugier zieht mich in den Gang vor mir, doch ich verharre. Habe ich Bammel, bin ich zu vorsichtig oder hält mich mein ungutes Gefühl zurück? Während mein Verstand mir zuruft, schleunigst nach oben zu klettern, zieht mich die Neugier tiefer in den Tunnel. Ich verharre unschlüssig auf der Sprosse. Habe ich bloß Bammel, bin ich übertrieben vorsichtig oder ist es ein berechtigter Urinstinkt, der mich bremst? Zudem quält mich die Frage, wie viel Zeit mir überhaupt noch bleibt. Wann taucht derjenige auf, der den Spaten und die Schaufel für mich bereitgestellt hat? Der Wettlauf gegen die Zeit wird mir plötzlich egal.
Ich brauche Antworten, nichts anderes zählt jetzt, alles andere muss ich im Moment ausblenden. Ich blicke in den Tunnel vor mir, dann in die Abzweigungen zu meiner Linken und Rechten. Am Boden der Eingänge erkenne ich eine schmale Leiste. Ich löse einen Fuß von der Sprosse und taste nach der Schwelle im Gang vor mir. Tatsächlich springt ein Kontaktschalter an, der auf Berührung reagiert. Als das Licht im ersten Tunnel aufflackert, wiederhole ich den Vorgang bei den anderen Leisten.
Würde ich zu Selbstgesprächen neigen, wäre ich nach der Aktion vor Staunen sprachlos. Die Gänge zu meiner linken und rechten Seite sowie der in meinem Rücken sind identisch, keinesfalls länger als die Leiter. Allein diese Konstruktionen verlangen mir höchsten Respekt ab, aber für den Tunnel vor meinen Augen fiel mir nur der Ausdruck Weltwunder ein.
Ich blicke in eine Konstruktion, die mir sprichwörtlich den Atem raubt. Dieser Gang ist zwar genauso kurz wie die anderen, mündet an seinem Ende jedoch in eine Abzweigung. Was mir sofort ins Auge springt, sind die Wände. Sie ähneln einem Regalsystem ohne offene Ablagen. Das Ganze erinnert mich an Szenen aus Krimis oder Krankenhausserien, in denen Leichen aus Kühlfächern gezogen werden. Ein eiskalter Schauer läuft mir über den Rücken, und ich hoffe inständig, dass sich in diesen Klappen etwas anderes befindet und ich hier unten nicht auf Tote stoße. Ich vergleiche die Wände mit denen der anderen Gänge. Erst jetzt bemerke ich, dass auch dort solche Fächer eingelassen sind – allerdings sind sie wesentlich kleiner.
So oder so, gefühlsmäßig befinde ich mich in einem Albtraum, der realer nicht sein kann. Ich hieve meinen Körper in den Gang mit der Abzweigung, verzichte darauf, in eines der Fächer zu blicken, und folge stattdessen dem Weg, der sich vor mir auftut. Kaum habe ich die Biegung hinter mir gelassen, entdecke ich wenige Meter vor mir eine Doppeltür. Ein Schalter an der Wand lässt mich vermuten, dass ich vor einer Art Lastenaufzug stehe. Schlagartig wird mir bewusst: Dieser Fund erhöht die Wahrscheinlichkeit drastisch, dass in den Wandklappen tatsächlich Leichen liegen.
Der reale Albtraum zwingt mich in einen Horrorstreifen: Ich nehme all meinen Mut zusammen, kehre um, kann problemlos ein Fach nach dem anderen öffnen, dabei zähle ich mit. Der Inhalt ist stets der gleiche und schockierend. Dass sich ein Mensch an alles gewöhnen kann, wird mir nach der Durchsicht der ersten Wand, bei der zweiten durch einen Nebengedanken klar. Dass ich keinen Schock erleide, ist einzig und allein der Tatsache geschuldet, dass die Toten sich mal in Leichensäcken, mal in Plastikfolien befinden. Insgesamt komme ich auf zwanzig Tote, mehr Fächer gibt es nicht. Ist das die Erklärung für die Schaufel und den Spaten? Ich stelle fest und frage mich: Wenn hier zwanzig Leichen liegen, wartet draußen das Werkzeug für Nummer Einundzwanzig – für mich selbst.
Ich schüttle das Grauen ab und wundere mich über meine eigene Kaltschnäuzigkeit. Bin ich von Natur aus so kaltblütig oder zwingt mich die Situation dazu? Obwohl es völlig unlogisch ist, wische ich mir die Hände an der Hose ab. Wahrscheinlich, weil ich beim ersten Fach den Leichensack instinktiv abgetastet habe, um Gewissheit über den Inhalt zu bekommen. Für ein paar Sekunden fühle ich mich wie ein abgebrühter Bulle, der jedes Rätsel knacken kann. Fast schon euphorisch begebe ich mich wieder zu dem Aufzug, betrete ihn und drücke den einzigen Knopf, der keinerlei Beschriftung trägt. Ein Detail ist mir eben noch entgangen: Weder die Schubfächer noch die Doppeltür des Lifts besitzen eine elektronische Vorrichtung. Alles hier unten muss mühsam von Hand geöffnet und geschlossen werden.
Die nächste Ernüchterung folgt auf den Fuß: Der Aufzug knirscht und ächzt, fährt im Schneckentempo nach oben, irgendwo über mir quietscht und knackt es, als ob der Aufzugsschacht jeden Moment in sich zusammenbrechen würde. Als der Aufzug endlich stehen bleibt und ich die fensterlose Doppeltür aufschiebe, blicke ich fassungslos auf die schäbige Fassade der Villa. Aus den Augenwinkeln erkenne ich, dass der Springbrunnen verschwunden ist. Er befindet sich nicht mehr auf dem Boden, sondern ziert wie eine bizarre Krone das Dach des Lifts. Wahnsinn, denke ich. Niemals kann ein einzelner Mensch dieses ganze System allein erbaut haben.
Auch wenn mir die Erkenntnis nicht gefällt und sie mir Angst einjagen sollte: Ich befinde mich auf einem Grundstück, das eine einzige, riesige, mechanische Täuschung ist und außerdem dem Zweck der Vertuschung dient. Für mich ist jedenfalls klar: Wenn hier ein Einzelner am Werk ist, habe ich es mit einem Serienkiller und einem Genie zu tun, dem ich womöglich nicht gewachsen bin. Sollte hier eine Organisation für alles verantwortlich sein, sinken meine Überlebenschancen auf null. Ich bezweifle, dass mein Grab über einen Stein oder ein Kreuz verfügen wird. Doch wenn, und falls überhaupt mit einer Inschrift, wie würde sie lauten? Vielleicht: Hier liegt er?
Was kann ich dagegen tun?
Fortsetzung im 2. Abschnitt von Kapitel 3 (spätestens am 25. 05. 2026)
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