Im dritten und letzten Abschnitt des 3. Kapitels begleiten wir den Mann ohne Erinnerung weiter und erleben eine unerwartete Wende. Meine Fantasie hat den Gedächtnislosen nämlich enttarnt, was Leser*innen jedoch weiterhin verborgen bleiben soll.
Das erste Kapitel hat komplett dieser Person gehört, das dritte auch, somit kehren wir im 4. Kapitel zurück zu Nick, Freddy und Ronda.
Wer bin ich?
3. Kapitel -3. Abschnitt
Nachdem ich die entgegengesetzte Richtung zu dem abbiegenden Kiesweg einschlage, ahne ich nicht, dass mir noch ein längerer Marsch durch den Wald bevorsteht. Noch einmal male ich mir aus, wie ich auf die erste lebendige Person reagieren werde, der ich begegne. Es ist makaber, aber seit ich aus meiner Bewusstlosigkeit erwacht bin, besteht mein Dasein aus unzähligen Fragen, zahlreichen Rätseln, einer bedrückenden Einsamkeit und vielen Leichen.
Niemals hätte ich gedacht, dass Flugzeuge so verdammt laut sein können, obwohl die Landebahnen gefühlt am anderen Ende der Welt liegen. Mein Zeitgefühl hat mich längst im Stich gelassen. Weil man sagt, dass ein trainierter Mensch für einen Kilometer fünfzehn Minuten braucht, habe ich irgendwann angefangen, meine Schritte zu zählen. Bei zweitausend habe ich frustriert aufgehört – ein halber Meter pro Schritt, ein mühsamer Kilometer. Aus dem Frust wird langsam Wut. Der Wald wird zwar lichter, aber das Gelände dafür immer unwegsamer. Seit meinem Aufbruch von der Villa war das Gelände flach, doch jetzt geht es auf einmal unbarmherzig auf und ab. Ich muss zwar keine Berge bezwingen, aber dieses ständige Auf und Ab von wenigen Metern raubt mir die letzte Kraft. In meinem Zustand und nach einem ganzen Tag ohne einen einzigen Bissen Essen wird jeder Schritt zur Qual. Dazu kommen der faule Geschmack im Mund und die trockene Kehle. Ohne zu wissen, ob ich überhaupt gläubig bin, schicke ich ein Stoßgebet zum Himmel in der Hoffnung, mein Ziel bald zu erreichen.
Erneut fange ich an, meine Schritte zu zählen, vielleicht nur, um mich zu motivieren. Bei der Zahl fünfhundert wird der Wald bunter, die Nadelbäume werden weniger, Laubbäume gewinnen die Oberhand. Nach weiteren vierhundert Schritten befinde ich mich nicht mehr in einem dichten Wald, sondern auf einem Fleck Erde, wo nur noch vereinzelt Bäume stehen. Plötzlich stehe ich vor einem Drahtzaun. Zu meiner rechten Seite, in einer schwer abzuschätzenden Entfernung, sehe ich den Tower des Flughafens. Falls ich nicht an Gott glauben sollte, werde ich es tun, wenn ich auf Augenhöhe mit den niedrigeren Gebäuden bin, die ich vor dem Turm erkennen kann.
Angesichts dieses Drahtzauns bin ich kurz davor, den Allmächtigen anzuflehen, mir mein Gedächtnis zurückzugeben. Doch ich lasse es bleiben, um mein Glück heute nicht herauszufordern. Es mag in meiner Situation absurd klingen, aber ich habe an diesem Tag bereits unverschämtes Glück gehabt. Ich lebe noch – etwas, womit meine Entführer wohl kaum rechnen. Warum auch immer meine Kidnapper nicht an der Villa aufgetaucht sind: Wären sie dort gewesen, hätte ich das kaum überlebt. Zudem war ich nicht einmal gefesselt, als ich aus der Ohnmacht erwachte. Ein klarer Hinweis darauf, dass meine Feinde mich für tot hielten oder darauf bauten, dass ich im Koma sterbe. All diese glücklichen Fügungen zeigen mir, dass mein Kontingent an Schutzengeln für heute restlos erschöpft sein muss.
So ist es auch! Nicht sofort, stattdessen zu einem Zeitpunkt, der gemeiner nicht sein kann. Der Tower und die Terminals sind zum Greifen nah, als ich plötzlich Hundegebell vernehme. Bevor ich überhaupt begreife, was passiert, stehen Polizisten vor und hinter mir. Die beiden in meinem Sichtfeld haben Hunde an der Leine und lächeln, um mir womöglich zu verstehen zu geben, dass sie die Tiere gerne loslassen würden. In meinem Rücken vernehme ich aus einem Mund, dass ich stehen bleiben soll, und eine andere Stimme befiehlt mir, die Hände hinter dem Kopf zu verschränken.
Meine Lage war heute trotz der bedrohlich knurrenden Hunde schon schlimmer, doch rückblickend gesehen noch nie so ausweglos wie jetzt. Klar, die Polizisten werden mir irgendwann zuhören, mir zunächst aber bestimmt keinen Glauben schenken – schließlich kann ich ihnen zu mir selbst nichts sagen. Ich habe keine Papiere bei mir, weiß nicht, wie ich heiße, und kann nicht sagen, wer, was ich bin oder woher ich komme. Meine Kopfschmerzen erschweren mir das Denken, egal, ohnehin halte ich es im Moment für besser, zu schweigen und mich mitnehmen zu lassen. Im Gewahrsam der Polizei bin ich zumindest vor meinen Feinden sicher. Und ich klammere mich an die Hoffnung, dass man mir hier helfen wird, das Rätsel um meine Identität zu lösen.
Nur wenige Minuten später finde ich mich in einer fensterlosen Zelle wieder. In der Deckenecke summt eine Überwachungskamera, daneben ein lamellenverzierter Luftschlitz, der die paranoide Assoziation weckt, jeden Moment könnte giftiges Gas herausströmen. Zwischen den nackten Wänden ein Tisch und zwei Stühle. Ich sitze auf einem davon und starre auf die schwere Metalltür, die krachend ins Schloss fiel, kaum dass man mich hineingestoßen hatte. Ein quälender Verdacht keimt in mir auf: Was, wenn sie mich für einen Attentäter oder Terroristen halten? Meine größte Befürchtung ist, dass ich hier festsitze, bis irgendein Spezialist für Schwerverbrecher auftaucht. Wenn ich recht habe, brauche ich einen langen Atem. Ich kann mir lebhaft vorstellen, dass man vermeintliche Staatsfeinde erst einmal im eigenen Saft schmoren lässt. Um ehrlich zu sein, habe ich mir die Rückkehr ins Leben und in die Zivilisation anders vorgestellt. Darunter leidet mein aufgekommener Optimismus: Wenn man mich für einen gefährlichen Kriminellen hält, wird niemand mir meine Geschichte mit der Villa glauben. Sollte ich dann auch noch die von mir entdeckten Leichen erwähnen, ist es völlig um mich geschehen. Wie ich bereits erwähnte: Auch ein Glückstag darf nicht überstrapaziert werden, selbst dann nicht, wenn man zu spät erkennt, wie positiv ein eigentlich negativer Tag verlaufen ist.
Während ich warte, überlege ich, wer mich wohl verhören oder in die Mangel nehmen wird. Doch die viel brennendere Frage schießt mir direkt hinterher: Wie zur Hölle soll ich diesem Jemand mein Dilemma erklären? Man sagt, mit der Wahrheit kommt man immer am weitesten. In meiner Situation bezweifle ich das – schon allein, weil ich mir an Stelle der Polizei selbst kein Wort glauben würde. Genau darin liegt das Problem: Ich muss absolut überzeugend wirken. Jedes Zögern, jede Schwäche meinerseits liefert mich aus. Und das bedeutet im schlimmsten Fall lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung.
Dagegen kann und muss ich etwas tun!
Fortsetzung im 1. Abschnitt von Kapitel 4 (spätestens am 25. 05. 2026)
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