3. Kapitel - 2. Abschnitt

Im 2. Abschnitt des 3. Kapitels begleiten den Mann ohne Erinnerung, erfahren was er denkt und wozu er sich entschlossen hat.

 Wer bin ich?
3. Kapitel -2. Abschnitt

Wer bin ich, was bin ich, wo bin ich? Wer sind die Toten da unten, und seit wann befinden sie sich in diesem Versteck? Benommen trete ich aus der Aufzugskabine, schließe die Türen und betätige den Schalter an der Außenwand. Ich sehe zu, wie die Konstruktion langsam wieder in der Tiefe versinkt, bis der Springbrunnen exakt an seinem alten Platz einrastet. Nichts deutet mehr darauf hin, dass dieses mit rostendem Metall verzierte Steingebilde beweglich ist und noch vor zwei Minuten das Dach eines Lifts zierte. Unfassbar, das Ganze. Irgendwie absurd, aber eben auch todernst.

Ich frage mich, welcher Inhalt in den kleineren Fächern in den anderen drei Gängen steckt, nur muss ich zugeben, dass meine Neugier nicht so ausgeprägt ist, um mich noch einmal in die Totenkammer zu begeben. Hätte ich es wirklich gewollt, wäre ich wohl kaum so unüberlegt gewesen, den Aufzug wegzuschicken. Ich überlege kurz, ob es sinnvoll ist, die Luke in der Kombüse wieder zu schließen, verwerfe den Gedanken aber sofort. Meine Frustration war einfach zu groß. Ich habe die Regale mit so viel Wut und Gewalt herausgerissen, dass es völlig unmöglich ist, hier noch einmal den Originalzustand wiederherzustellen.

Ich folge dem Kiesweg in den dichten Wald, der von der Villa wegführt. Ob es in den nächsten Minuten oder erst in ein paar Stunden passiert, weiß ich nicht – aber irgendwann wird hier jemand auftauchen, der mich endgültig loswerden will. Meine Vergangenheit ist in meinem Kopf vollständig ausgelöscht, dennoch frage ich mich wieder und wieder, aus welchen Gründen ich an diesem Ort gelandet bin. Wenn ich mein eigenes Verhalten im Keller beurteile, müsste es doch jedem normal denkenden Menschen einleuchten, dass ich mit diesen Toten nichts zu tun habe. Dass die Leichen dort unten so versteckt liegen, beweist für mein Verständnis jedenfalls eines: Diese armen Seelen sind keinem natürlichen Tod zum Opfer gefallen. Vorsichtshalber bewege ich mich neben dem Kiesweg zwischen den Bäumen und folge so der Richtung, in die er führt. Zwar ist es beschwerlicher, aber jeder Schritt bringt mich weiter weg von der äußerlich verlotterten Villa, die durchaus den Namen Totenhaus tragen könnte. Ich blicke nicht zurück, schaue nur nach vorne, auch um nicht zu stolpern. Irgendwie passt es zu meiner Situation: keine Vergangenheit, eine ungewisse Zukunft.

Zu all dem passt das Wetter: Es ist nicht kalt, aber doch ziemlich frisch. Es regnet nicht, aber die Sonne wird von grauen Wolken verdeckt. Während der Morgendämmerung hatte es nach einem schönen Tag ausgesehen, davon ist nichts übriggeblieben. Wie spät mag es sein? Ob meine Aktivitäten oder die Kopfschmerzen daran schuld sind, dass ich jegliches Zeitgefühl verloren habe? Von einem Punkt bin ich mittlerweile überzeugt: Ich wurde nicht niedergeschlagen. Ständig habe ich einen trockenen Mund, zusätzlich einen Geschmack auf der Zunge, der widerwärtig ist. Ich gehe davon aus, dass mir irgendetwas verabreicht wurde, das für diese Symptome verantwortlich ist. Unter dem Strich kommt für mich ein Ergebnis heraus, mit dem ich leben kann, da ich nicht tot bin. Genau das ist der Punkt: Mit jedem Schritt werde ich überzeugter, dass meine Kidnapper davon ausgehen, dass ich bereits tot bin. Nur dieses Fazit kann erklären, weshalb keiner meiner Gegner bisher aufgetaucht ist. Denn eines weiß ich: Seit ich wach bin, sind etliche Stunden vergangen. Gefühlsmäßig und trotz des bewölkten Himmels, unter Einbezug des Tageslichts, schätze ich, dass die Mittagszeit längst vorbei ist.

Schritt für Schritt, Meter um Meter, der Wald scheint ein unendlicher Dschungel zu sein. Es mag sich albern anhören, doch ich gehe nur vorwärts, denn alles was mich von der Villa wegführt, kann nicht hinter mir liegen. Das Besondere dabei: Ich lege gefühlt eine gewaltige Strecke zurück, ohne über das gestern, heute, jetzt und morgen nachzudenken. Eine Zeitlang ist mein Kopf völlig leer, so erfreulich es ist, das Schädelbrummen hat deswegen trotzdem nicht nachgelassen. Schritt für Schritt, Meter um Meter quäle ich mich voran. Der Wald gleicht einem endlosen Dschungel. Es mag skurril klingen, aber mein Fokus liegt stur auf dem Weg vor mir. Alles, was mich von diesem Totenhaus entfernt, bedeutet Rettung. Das Faszinierende daran ist, dass ich gefühlt eine gewaltige Strecke zurücklege, ohne einen einzigen Gedanken an das Gestern, Heute oder Morgen zu verschwenden. Für eine ganze Weile ist mein Kopf vollkommen leer. So erleichternd diese mentale Ruhe auch ist – das Hämmern in meinem Schädel stoppt sie leider nicht.

Die mentale Atempause scheint meine Sinne geschärft zu haben. Ich gestehe es mir ungern ein, aber zur Wahrheit gehört: Ich habe nicht den blassesten Schimmer, was ich tun soll, sobald ich wieder auf Zivilisation stoße. Was fange ich an, wenn ich eine Straße erreiche, per Anhalter mitfahre und irgendwo im Nirgendwo strande? Wie soll ich mich verhalten, wenn man mir Fragen stellt? Wie reagieren, wenn ich in eine Situation gerate, die ich nicht kontrollieren kann? Welcher Mensch kann schon glaubwürdig wirken, wenn er seine eigene Vergangenheit nicht kennt, nicht weiß, wer er ist, woher er kommt oder wohin er will? Es ist paradox: In der Villa wäre ich mit all diesen Problemen vermutlich niemals konfrontiert worden. Im Nachhinein betrachte ich die Flucht aus dem Totenhaus als zu voreilig. Sich dort zu verdrücken, war der leichte Teil, da das Ziel klar war: weg von der Gefahr, und dafür hatte ich lang genug Zeit. Jetzt, wo die Zivilisation näher rückt, begreife ich, was mir angetan wurde. Sehr wahrscheinlich halten mich meine Gegner für tot, aber sie müssen sich keine Sorgen machen, falls ich lebe. Es ist ihnen gelungen, mich gesellschaftlich völlig wehrlos dastehen zu lassen. Ohne Namen, Ausweis oder eine gelebte Geschichte wird jeder Kontakt mit Mitmenschen oder der Polizei eine potenzielle Gefahr für meine Person. Ob da oder dort, zwangsläufig gerate ich in eine Lage, in der ich mich der Realität stellen muss, doch wie soll das ohne eine Identität funktionieren?

Keine Ahnung, wie lange ich schon vorwärtsgelaufen bin, irgendwie scheine ich auf der Stelle zu stehen. Nichts ändert sich, außer dem Unterholz im Wald. Es gibt Passagen, die kann ich ohne Hürden zurücklegen, dann werde ich wieder gezwungen, meinen geraden Weg zu verlassen, da ich Baumstümpfen, Brennnesseln, dornigen Büschen und sonstigen Hindernissen ausweichen muss. Mittendrin spüre ich mangels eines Lichts am Ende des Tunnels eine Lethargie in mir aufkommen und komme mir vor, als wäre ich am Ende der Welt ausgesetzt worden. Plötzlich, als ich damit gar nicht mehr rechne, vernehme ich neben dem gelegentlichen Vogelgesang ein anderes Geräusch. Erst jetzt wird mir bewusst, dass das Zwitschern der Vögel deutlich nachgelassen hat. Es ist wahr und ich weiß, warum es sich so verhält. Eindeutig, wenngleich noch für die Beine in schmerzender Entfernung, höre ich das Geräusch von startenden und landenden Flugzeugen. Es passiert in einer Regelmäßigkeit, die mir sagt, dass ich mich in der Nähe eines Großflughafens befinde.

Auf einmal beschreibt der Kiesweg eine scharfe Biegung – einen Kurs, den ich partout nicht einschlagen will, da er sich wieder vom Fluglärm zu entfernen scheint. Ich trenne mich von diesem Pfad, der bis dahin mein einziger begleitender Kompass war, und schlage querfeldein die Richtung ein, die mich direkt zum Flughafen führt. Dadurch schwindet zwar die Chance, meinen unsichtbaren Feinden auf dem Weg zu begegnen, aber ganz ehrlich: Dagegen will ich absolut nichts tun!

Fortsetzung im 3. Abschnitt von Kapitel 3

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